Studienfahrt nach Irland - Never Rush
Geschrieben von: Marius Ruhnau   
Mittwoch, den 28. Oktober 2009 um 21:59 Uhr

Warum opfert man die Hälfte seiner wohlverdienten Herbstferien freiwillig für tagelange Busfahrten und eine vorhergesagte „Dauerregengarantie“?

Nach drei Tage und über 1.700 Kilometern Fahrt - mit Stationen im weltberühmten englischen Bischofssitz Canterbury, der idyllischen Hafenstadt Wexford und am legendären Rock of Cashel - waren wir fast am westlichsten Ende Europas angekommen. Das „Rainbow Hostel“ auf der Dingle-Halbinsel war Ausgangspunkt für unsere Bootstour zu den heute verlassenen Blasket Islands. Auf den westlichsten Inseln Europas fanden wir die Reste jener armen Besiedlung, welche uns beim Picknick auf den Ruinen der kleinen Häuser während der Beschreibungen Thomas O'Crohans („Die Boote fahren nicht mehr aus“) nur langsam lebendig wurden. Zu einsam und karg schienen diese Inseln für das Leben zu sein.

Der nächste Tag sollte einer der wenigen werden, an welchem wir nicht von unserem Busfahrer Manuel über schmale, kurvige Straßen chauffiert wurden, denn an diesem Tag stand unsere 40 Kilometer lange „Tour de Dingle“ an, die uns mit dem Fahrrad bei bestem Wetter zum Gallarus Observatory und zum westlichsten Punkt Irlands führte – fast hätten wir die Hochhäuser von Manhattan gesehen!

Nach drei Nächten in Dingle ging es weiter zum Killarney Nationalpark, welcher uns nur einen Einblick in den Ring of Kerry gewährte, weil dieser für unseren Bus leider zu schwer passierbar war. Unser Hostel in Killarney schien ein altes, etwas außerhalb gelegenes Herrenhaus gewesen zu sein, das zumindest nach außen hin einen Teil seiner Eleganz bewahrt hat.

Auf dem Weg gen Norden bot sich uns erneut die Gelegenheit, im Atlantik zu baden – bei geschätzten 12°C Wassertemperatur war die Zahl der Mutigen und die Dauer jedoch geringer als beim ersten Mal. Nur wenige Kilometer die Küste hinauf wanderten wir mit äußerster Vorsicht entlang der bis zu 200 Meter hohen Cliffs of Moher.

Unser nächstes Etappenziel Galway, welches zu den Boomtowns Irland gehört und einen Sitz der University of Ireland beherbergt, faszinierte am Tag wie in der Nacht besonders durch seine Vitalität. Von hier aus unternahmen wir einen Ausflug auf die größte der Arran Islands, Inishmore („Árainn Mhór“), und folgten dem europäischen Fernwanderweg „Nummer 17“ hinauf zum Dun Aenghus („Dún Aonghasa“), einer steinzeitlichen Fluchtburg, die 100 Meter über dem Meer am Rand der Klippen thront.

In den Bergen von Connemara, einer moorigen und bei Nebel beinahe mystischen Landschaft, folgten wir dem Ruf des Diamond Hill. Trotz des starken Windes und der Folgeerscheinungen des langen Vorabends gelang uns der Aufstieg über rund 500 Höhenmeter in einer Rekordzeit von 53 Minuten. Die nachfolgende Einführung in den Golfsport bereitete viel Freude, wobei missglückte Versuche meist mit tiefen Löchern oder vergeblichem Ballsuchen endeten. Und nicht nur den beiden Gewinnern schien die Schafsweide nebenan verlockender und ebener als der Golfplatz selbst.

Weiter ging es in Richtung Dublin („Baile Átha Cliath“) mit einem Stopp an der bekannten Klosteranlage von Clonmacnoise („Cluain Mhic Nóise“). Dublin selbst bot uns eine Mischung aus historischen Orten wie dem General Post Office, an welchem 1916 der Osteraufstand begann, und eine erstaunliche Vielseitigkeit für eine Stadt dieser Größe. Jeder von uns kam auf seine Kosten – ob nun in einem der geschätzten 1.000 Pubs oder beim Einkaufen in der Grafton Street.

Unser letzter Tag in Irland führte uns nochmals zurück in die zum größten Teil ungewissen Anfänge der Zivilisation Irlands in Form des Hügelgrabs Knowth, welches neben den ebenfalls bekannten Gräbern von Newgrange und Dowth nördlich von Dublin liegt. Seine besondere (Re-) Konstruktion mit einem einzigartigen Lichteinfall in die Grabkammer zur Winter- und Sommersonnenwende ließ uns das Wissen jener frühen Bevölkerung erahnen. Nur an diesem Tag bot uns das Wetter die Möglichkeit, irischen Dauerregen zu erleben und unsere Regenkleidung auf die Herstellerversprechen zu überprüfen.

Zumindest die erste Woche unserer Reise war auch durch die omnipräsenten Wahlplakate für die zweite anstehende Volksabstimmung über den Lissabon Vertrag geprägt und wir waren glücklich zu erfahren, dass trotz der überwiegenden Propaganda gegen diesen die Mehrheit der Iren mit „Tá“ (ja) gestimmt hat.

„Never rush a pint“ sagt man in Irland. Und generell mutet in Irland einiges viel ruhiger an als bei uns. Es scheint fast, als würde in Teilen der immergrünen Insel die Zeit stillzustehen.

Die Menschen, die man in Irland trifft, sind jedoch lebendig, freundlich und offen - egal ob sie nun aus Süddeutschland, der Schweiz, den USA oder doch aus Irland kommen.

Für diese intensiven Einblicke in die irische Geschichte, Kultur und Lebensart danken wir ganz besonders unserer „deutschsprachigen Reiseleitung“, Herrn Baris und Herrn Heinicke, welche ähnlich wie unser Busfahrer stets wichtige Tipps bereithielt und sich auch nicht scheute, uns am Abend in einem Pub selbst das Geheimnis vom Kleeblatt im Guinessschaum  zu offenbaren.

Marius Ruhnau, Giordano Blume