Studienfahrt Rom/Sorrent - 2:0
Geschrieben von: Anna Troestler   
Samstag, den 31. Oktober 2009 um 13:08 Uhr

„Nee, Herr Becker, Frau Lühken, wir gehen nicht einen Schritt weiter! Wir streiken.“ Gerade sind wir durch die Überreste des Circus Maximus gelaufen und alles stürzt auf den Trinkwasserbrunnen am anderen Rand der Senke zu, den wir in Deutschland vermutlich nicITalien_Kolosseumht eines Blickes gewürdigt hätten (Bakterien?!).

Den Tag haben wir mit der Besichtigung des Kolosseums begonnen, sind dann über das Forum Romanum gestapft und haben in brütender Hitze (ja, Ende September!) den Palatin und seine Ruinen erkundet. Durch den Circus Maximus soll es jetzt noch weiter auf den Aventin gehen, aber wir wollen nicht mehr: zu viel Kultur, zu viel Weg, zu warm dafür. Es ist unser zweiter Tag in Rom.

„Lassen Sie uns doch abstimmen, ob wir noch auf den Aventin gehen wollen!“ Daraufhin erwidert Herr Becker völlig ungerührt: „Haben wir bereits. 2:0!“ Na super, und das schimpft sich Demokratie?! Also weiter! Wir schleppen uns auf den Aventin und gucken durch ein Loch in einer völlig unspektakulären Tür: Ob Zufall oder Absicht, dieses Guckloch ermöglicht den Blick durch einen Laubengang, an dessen Ende man weit entfernt die Kuppel des Petersdoms erkennt. Der Weg hat sich also doch gelohnt, wie man zugeben muss.

 

So oder so ähnlichItalien_parken sahen unsere Tage in Rom aus. Ein tägliches Laufpensum von min. 15km, um möglichst viele Sehenswürdigkeiten abzuklappern, sodass wir in Anbetracht dieses (Über-?)Maßes an Kultur eine gewisse Reizüberflutung bei uns diagnostizierten: Trümmer und Ruinen, Steine, Kirchen und Museen, Steine, Steine und Steine – und mittendrin eine Konzertankündigung für Tokio Hotel. Antike und Neuzeit existieren hier in erstaunlicher (nicht immer passender) Weise nebeneinander. Was man sonst nur aus dem Lateinbuch kennt, sieht man in Rom in natura (manchmal auch nicht, dann muss man es sich vorstellen…) und darum herum pulsiert das römische Leben – und besonders der Verkehr, der wohl einen bleibenden Eindruck hinterlässt (Verkehrszeichen sind Dekoration, jeder freie Raum ist eine Parklücke und Fußgänger dürfen sich von herannahenden Autos nicht vom Weg abbringen lassen).

Diese teils kontroversen und skurrilen, aber sicher faszinierenden Eindrücke aus Rom nehmen wir mit nach Hause: einerseits alt-ehrwürdige Bauwerke, wie der Petersdom, und andererseits Fahrten mit Bus und Metro, wo man Wertsachen fest umklammert und hofft, dass der Herr dort hinten nicht noch näher kommt. Auch wenn wir „gestreikt“ und genörgelt haben, die Welt in neue Einheiten italien_versuveingeteilt haben (Beckerminuten und Beckermeter ≈ das Doppelte der genormten Einheiten), wäre es doch schade gewesen, hätten wir keine Münze in den Trevi-Brunnen geworfen, hätten wir uns nicht mit den Menschenmassen durch die Vatikanischen Museen gewälzt oder das von Mussolini in Auftrag gegebene Stadtviertel EUR besichtigt u. v. m. Schließlich hatten wir ja auch die Tage in Sorrent zum Entspannen, Baden und Faulenzen – zumindest theoretisch.

Dieser Teil der Fahrt begann sehr vielversprechend mit der Erkundung der Appartements, die uns ursprünglich nicht zugedacht waren. Leider waren alle (theoretisch für uns gedachten, schlechter ausgestatteten) Bungalows belegt, so mussten wir eben mit den (eigentlich viel teureren) Appartements Vorlieb nehmen. Blöd gelaufen, wirklich blöd…

Unglücklicherweise versank unser Programm am ersten Tag in Nieselregen und Nebel (dies war aber auch der einzige Tag der ganzen Fahrt), dementsprechend war die Aussicht vom Vesuv leider nicht ganz so atemberaubend. Das war wohl die ausgleichende Gerechtigkeit für das Glück mit den Unterkünften am Vortag.

 

Italien_AmalfiPassend zu unserer Busfahrt auf der schönsten Straße der Welt, entlang der Amalfi-Küste, zeigte sich die Sonne auch wieder. Überschattet wurde die Fahrt allerdings vom bangen Hoffen unserer Fußballfans auf eine pünktliche Rückkehr zur Sportschau (ja, in Sorrent konnte ARD empfangen werden). Dies nahm leider sämtlichen halsbrecherischen Manövern des Busfahrers die Spannung, auch wenn uns nur Zentimeter vom Abgrund auf der einen und vom entgegenkommenden Bus auf der anderen Seite trennten… Busfahren in Italien ist ein Erlebnis – übertroffen nur noch von lebensmüden Vespafahrern, denen auch ein Nadelöhr zum Durchfahren reicht!

Ein viel größeres Erlebnis war jedoch unser Tagesausflug auf die idyllische Insel Capri. Nach einigen Steigungen und Treppenstufen zur Villa Iovis und dem Arco Naturale sollte es nämlich hinab ans Meer gehen – zu einer nicht von Touristen (wie uns) überlaufenen Bucht. Aber der Weg dorthin hatte es in sich: steile Treppen hinunter, durch Buschwerk und an Bäumen entlang hangelnd erreichten wir schließlich die Felsen, von denen wir uns in die türkisblauen Fluten stürzen konnten. Leider blieben nicht alle verschont von kleineren Blessuren, aber diese Schmerzen verblassten in Anbetracht der sportlichen Höchstleistungen, die wir auf dem Rückweg bergauf vollbrachten. Diesen Weg können vor uns bestenfalls Herakles, Tiberius’ Sklaven und Herr Becker (auf seiner Studienfahrt 1992) benutzt haben, meinte Martin. „Es war die Hölle, nur schlimmer.“ (ein Tagebucheintrag) Wir haben es aber alle durch die Hölle geschafft und es war nichtsdestotrotz ein schöner Abschluss dieser Studienfahrt, dem ganz zuletzt nur noch ein allerletzter Besuch im „wirklich letzten“ Museum in Neapel folgte.

Ausklingen ließen wir die Fahrt im Liegewagen zurück nach München, als wir ausprobierten, wie viele Menschen in ein Sechserabteil passen (zwölf passen problemlos). Brüderlich und schwesterlich nahmen wir auch die Lehrkräfte auf. Sie hatten uns zwar ein umfangreicheres Kulturprogramm abverlangt, als uns lieb war, wofür wir ihnen vermutlich erst im Alter (mit zunehmender Weisheit?) dankbar sein werden, aber dennoch hatten sie uns auch eine unvergessliche Studienfahrt beschert.

Anna Troestler    

Italien_Panorama

Bild: Ausblick vom Vesuv